Darf es noch ein Glaserl sein?

In unserem Kulturkreis ist das Achtel Wein oder das Seidel Bier am Abend beinahe ein gesellschaftliches Ritual. Es scheint einer Belohnung für harte Arbeitstage zu gleichen und den Trinkern scheint es Entspannung zu bringen. Umso geschockter war ich vor einigen Wochen, als ich in einer Weiterbildung des Amerikanischen Psychologieverbandes saß. Ich höre euch schon sagen, dass bei den Amerikanern immer alles strenger gesehen wird. Damit mögt ihr Recht haben, aber grundsätzlich bewohnen wir Körper, die sehr ähnlich funktionieren, oder? Also kann weder Medizin noch Psychologie völlig anders sein bei uns in Europa.

Um zu definieren, ab wann man mit einer Abhängigkeit zu kämpfen hat, wurde das Standardgetränk definiert. In diesem sind 14 Gramm Alkohol enthalten. Frauen sollten beachten, dass sie nicht mehr als zwei Standardgetränke täglich oder zehn Standardgetränke pro Woche zu sich nehmen, um nicht als "abhängig" zu gelten.  Bei Männern sind es drei Standardgetränke pro Tag und 15 pro Woche. Geht sich das jetzt aus mit Achteln und Seideln?

Ein Seidel Bier entspricht einem Standardgetränk, das ist zum Glück sehr leicht zu rechnen. Ein Achtel Wien liegt sogar mir 125ml knapp unter einem Standardgetränk. Damit sind zwei Achtel Wein am Abend, aus psychologischer Sicht, durchaus als unproblematisch anzusehen.

Einen leichten Sommerspritzer am Tag befürwortet auch die Traditionelle Chinesische Medizin. Dieser löst Stagnationen auf und begünstigt Entspannung nach einem stressigen Tag. Allerdings führt ein höherer Konsum zum gegenteiligen Effekt. Hier entstehen dann Stagnationen in der Leber.

Also wie so oft im Leben, die Dosis macht das Gift. Mit einem oder zwei Glaserl Chardonnay oder Riesling am Abend ist man noch lange kein Alkoholiker. Auch die Herren sprengen mit einem oder zwei Seideln nicht den Rahmen.

Alle Abhängigkeiten entstehen immer nach dem gleichen Muster (Berridge & Robinson, 2016). Als erstes steht der Genuss und der Wille es zu konsumieren. Danach schmeckt es eigentlich nicht mehr, aber man kann nicht aufhören es zu wollen. Ab diesem Zeitpunkt spricht man von einer Abhängigkeit. In der Stelle muss ich festhalten, dass ich mir gerade in unserem Kulturkreis nicht sicher bin, ob Bier oder Wein irgendwann nicht mehr schmecken können. Aber ich denke es geht darum, dass der Wille einfach nicht mehr stark genug ist, auch mal ein paar Tage ohne sein Gläschen auszukommen.

Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass Abhängigkeit in welcher Form auch immer nicht aktiv vom Individuum selbst ausgeht, bestätigt Dr. Read von der Universität Buffalo. Es ist aber zum Beispiel nicht bewiesen, dass die Abhängigkeit von Eltern oder Großeltern übernommen wird. Eher ist die Aussage zu deuten, dass die Abhängigkeit aus Notlagen heraus entstehen. Ärger, Depression, Konflikte und Gewalt begünstigen die Entstehung eines Suchtverhaltens.

Also gerade in stressigen Zeiten, wenn du dich wieder über einen Kollegen ärgerst, der Stapel Arbeit am Büro einfach nicht weniger werden will oder den Chef wieder einen besonders schrägen Tag hat, solltest du darauf achten, dass aus dem Glaserl zur Entspannung nicht mehr wird. Cooper et al. (2016) definierten vier Motivatoren für übermäßiges Trinken: (1) Soziale Faktoren, (2) Genuss, (3) Bewältigung und (4) Anpassung.

Als besonders gefährdet für Alkoholabhängigkeit gelten die Altersgruppen 18-29 und 30-44 Jahre (Grant et al., 2015). Das Risiko sinkt ab 29 Jahren, eine Alkoholabhängigkeit völlig neu zu entwickeln. In den meisten Fällen war das Verhalten bereits in früheren Jahren erkennbar. Die Rückfallraten in den Altersgruppen 25-49 sind daher entsprechend hoch (Verges et al., 2012). Bachman et al. (2008) hat über fünf Jahre Probanden beobachtet und herausgefunden, dass langjährige Singles häufiger zum übermäßigen Trinken neigen. Probanden, die in den fünf Jahren durchgehend verheiratet waren zeigen das Verhalten sehr selten. Eine Scheidung in dem Zeitraum führte letztendlich zum gleichen Verhalten wie bei den Langzeit-Singles.

Gegen einen Heurigen- oder Standbarbesuch heute Abend ist also auf keinen Fall etwas einzuwenden. Ein freudiges Ereignis am Abend hilft euch auch dabei den heißen Nachmittag zu überstehen.