Wieviel Böses steckt in uns?

Die Frage, die ich mir hin und wieder stelle ist "Bin ich ein guter Mensch?" Gerade in Situationen wie heute, fällt es mir schwer, meine kleine innere Teufeline einzusperren. Unverhältnismäßig große Lücken zwischen den parkenden Autos und prompt, wenn man vom Termin kommt ist die kleinste Lücke an der Fahrerseite vom eigenen Auto. In den meisten Fällen grummle ich vor mich hin, zwänge mich durch die Beifahrertüre und verlasse ohne weiteres Handeln den Parkplatz. Doch an Tagen wie heute, wo es in der Innenstadt gefühlt 40 Grad hat, kann ich nicht anders. Ich habe dem Quetscher ein unglaublich freches Liebesbrieferl an der Windschutzscheibe hinterlassen.

Hat sich der Quetscher nun bösartig verhalten, oder war ich es in dem Fall?

Was böse ist oder nicht, wird durch die Gesellschaft festgelegt in der wir uns befinden. Zwar müssen wir heute nicht mehr zwingend Mitglied einer sozialen Gruppe sein, um zu überleben, aber in uns drinnen steckt dieses Drang trotzdem. Wir wollen dazu gehören und wir vermeiden von der Gesellschaft verachtet oder kritisiert zu werden. Das ist die Vermeidungstaktik, die ein Großteil von uns anwendet, wenn das Risiko steigt einen Konflikt oder ein Problem zu generieren. 

Wie ist das nun in einer Studie, in der ich Menschen dazu auffordere andere zu bestrafen, dominieren oder zu verletzen? Bereits im Jahr 1961 hat Dr. Stanley Milgram an der Universität Yale ein heutzutage ethisch nicht vertretbares Studienprojekt gestartet. Er kreierte eine Prüfung-Situation in welcher der Prüfer auch der direkte Bestrafer war. Beantwortete der Prüfling die Frage falsch, wurde er mit zunehmen heftigeren Stromstößen bestraft. Den Prüfern wurde gesagt, dass der Prüfling ebenfalls ein Proband in der Studie sei. Neben dem Prüfer stand der Versuchsleiter, der ihn immer wieder an die Erfüllung seiner Pflicht erinnerte. Beinahe beängstigend war das Ergebnis der Studie, 65 Prozent der prüfenden Probanden führten den finalen Stromstoß von 450 Volt aus, obwohl sie die Leiden des Prüflings sehen konnten (Milgram, 1963).

"Wer in irgendeiner Form Gewalt anwendet, für den ist der Versuch beendet", wird die Probandengruppe der Wärter zu Beginn des Versuchs ermahnt. So zumindest in der deutschen Verfilmung der 1971 abgehaltenen Studie von Philip Zimbardo, an der Universität Stanford. 24 Probanden teile Dr. Zimbardo für diese Studie in zwei Gruppen. Eine Gruppe wurde mit der Rollenfunktion des Wärters betraut gemacht und die andere Gruppe waren Strafgefangene. Ein Teil der Versuchsräume der Universität wurden zu diesem Zweck umgebaut und sollten 7-14 Tage als Ort des Geschehens dienen. Das Verhalten der Probanden eskalierte, die Wärter zeigen sadistisches Verhalten gegenüber den Gefangenen und Zimbardo musste am sechsten Tag abbrechen. Davor jedoch erfolgten unzählige Übergriffe und sogar die Forscher selbst ließen sich emotional mitreisen. Kritische Stimmen behaupten, dass der Versuch bereits zwei Tage früher abgebrochen werden hätte müssen. Es war eine Dynamik entstanden, die laut Zimbardo nicht absehbar war. Doch was hat die Wärter zu solchen sadistischen Handlungen bewegt?

Unser Verhalten kann durch unterschiedliche Kräfte in einer Situation verändert werden. Das kann durch eine soziale Gruppe geschehen oder durch eine Autorität. Während sich Milgram noch auf die autoritäre Kraft in seiner Studie beschränkt hat, erweiterte Zimbardo die autoritäre Positionierung der Wärter gegenüber den Gefangenen mit der Gruppenkraft innerhalb der Gruppen von Wärtern und Gefangenen.

Du denkst jetzt sicher, dass dir das so einfach nicht passieren kann, weil du dich nicht von anderen zu Handlungen drängen lässt, die du nicht machen willst. Vor der Milgram-Studie wurden 40 Psychiater nach ihrer Einschätzung zum Ergebnis der Studie befragt. Im Durchschnitt gaben die Experten für unmenschliches Verhalten an, dass nicht mehr als ein Prozent der Prüfer bis zur maximalen Volt-Leistung gehen würden. Also selbst in einem Laborexperiment lässt sich der Ausbruch des Bösen in uns, nicht vorhersagen, nicht einmal von Experten.

Unter diesem Aspekt können schreckliche Taten aus der Vergangenheit neu analysiert werden. Zahlreiche Sozialpsychologen haben in den letzten 100 Jahren dazu beigetragen, die Kräfte zu verstehen, die stärker sind als wir selbst und uns dazu bringen, abscheuliche Dinge zu tun. Die stärkste Kraft in diesem Zusammenhang ist die soziale Situation selbst. Ihre Dynamik reißt uns ohne Vorwarnung mit. Ohne effektive Strategien werden wir zur Spielfigur und bekommen es in dem Moment nicht einmal mit.