Situationen in der Kindheit, die uns heute psychisch beeinträchtigen (Teil 1)

Seit der #metoo Kampagne 2017 ist die Gesellschaft ein gezwungen hinzusehen. Doch oft schlägt uns unser eigenes Gehirn oder die Gesellschaft ein Schnäppchen und wir können noch so genau hinsehen, wir erkennen keine traumatisierende Situation. Man kann auch nur eine solche erkennen, wenn man die Definition und Beschreibung solcher Situationen kennt. 

Was wissen sie über Trauma? Was macht eine traumatische Situation so traumatisch?

Rund 60% der Klienten, die in der westlichen Gesellschaft betreut werden, berichten nach entsprecher Psychoedukation, als Kind ein Trauma erlitten zu haben. Mehr als 25% der Kinder sind heute von einem emotional und psychisch beeinträchtigten Trauma betroffen. 

Im folgenden Text möchte ich die Psychoedukation kurz anreissen, damit sie erkennen, ob sie ein solches traumatisierdes Ereignis in ihrer Kindheit erlebt haben und dieses eventuell als Ursache für heutige Symptome ihrem Arzt mitteilen können. 

Familientherapeuten verwenden die Definition „eine Situation, die negative Auswirkungen auf eine Person hat, ohne dass diese die notwendigen Werkzeuge hat, die Situation gut zu überstehen“. Ein Trauma kann aus jedem Umstand entstehen, der ihre eigenen Fähigkeiten überfordert mit der Situation fertig zu werden. 

Im folgenden beschreibe ich 10 Situationen, die von vielen Menschen nicht als traumatisches Ereignis realisiert werden.  In meiner Ausbildung und Arbeit mit Jugendlichen und ihren Familien beschäftigte ich mich immer wieder mit dem Thema "Trauma". Leider ist die Definition nicht wirklich gut etabliert in der Gesellschaft. Daher wird oft ein traumatisches Ereignis ignoriert, weil oft nicht erkannt wird, welche Auswirkungen es auf unsere Psyche und unser Wohlbefinden hat.

Ein Traum habt einen großen Einfluss darauf, wie wir denken, fühlen und uns verhalten. Das ABC Modell in der CBT (Kognitiven Verhaltenstherapie) beschreibt Trauma als negative Erfahrungen, die unseren Wahrnehmung von aktuelle Ereignissen verzerrt und damit eine verfälschte Basis für Emotionen und Verhalten in der Zukunft liefert.

10 Situationen die ihr heutiges Wohlbefinden beeinträchtigen können

Kindesmisshandlung

Viele werden jetzt aufschreien und meinen, dass sie auf Kindesmisshandlung garantiert reagiert hätten. Doch was ist wenn sie die Definition von Kindesmisshandlung zu eng fassen? Eine Kindesmisshandlung ist in der Psychologie eine sexuelle, körperliche und/oder emotionale/psychologische Misshandlung. Dazu zählt auch die Vernachlässigung. Diese kann auftreten, wenn eine alleinstehender Elternteil nicht in der Lage ist, die Grundbedürfnisse seines Kindes, wie Nahrung, Kleidung und ein Zuhause zu befriedigen. Oft sehen Alleinerziehende die Lösung in der vermehrten Arbeit, um die notwendigen finanziellen Mittel aufzustellen. Doch dabei doch kommt die Zeit für das Kind oft zu kurz. Jetzt kann man ihnen nicht unterstellen, dass sie ihre Kinder absichtlich vernachlässigen. Man kann ihnen jetzt auch nicht empfehlen, einfach weniger arbeiten zu gehen. Denn dannwäre es ihnen wahrscheinlich wieder unmöglich die Grundbedürfnisse ihres Kindes zu befriedigen.

Die Unterbringung aller vernachlässigten Kinder in Heimen oder Pflegefamilien wäre noch eine Steigerung der Problematik für die Kinder. Nachdem es in unserer Gesellschaft keine Lösung für diese Belastung gibt, wachsen die betroffenen Kinder zu Erwachsenen heran, die von negativen Rückblenden, Angstzuständen, Depression, Schlafstörung, Essstörung oder anderen psychologischen Beeinträchtigungen leiden können. Gerade die heutige Generation von Erwachsenen hat vermehrt eine Kindheit erlebt, in der es selbstverständlich war, dass beide Eltern berufstätig waren. Oftmals war eine Finanzierung von Eigenheim, Urlauben und Auto ohne zwei Einkommen kaum möglich. Daher war es auch selbstverständlich, dass wir als Kinder die reduzierte Elter-Kind-Zeit als „normal“ empfunden haben. Daher wurden Symptome, die möglicherweise bereits in der Kindheit aufgetreten sind, überhaupt nicht wahrgenommen bzw. falsch diagnostiziert.  Auch später wagen nur wenige den Schritt und begeben sich in professionelle Hände. Oft sind es Scham oder Schuldgefühl, die diesen Schritt schwer machen. 

Die heutige Wahrnehmung ist durch diese Art von Erlebnissen in der Kindheit verzerrt. Unterschiedliche Filter können heute ihre Sicht auf Personen und Beziehungen verfälschen z.B. die Kategorisierung, dass Eltern immer viel arbeiten müssen. 

Häusliche Gewalt

Noch immer ist es in vielen Elternköpfen verankert, dass eine schlechte Ehe besser ist für die Kinder, als Scheidung. Doch die Wissenschaft hat diesen Mythos bereits gänzlich widerlegt.  Eltern, die non-verbalen oder verbalen Kämpfe austragen, können bei den Kindern Schlafstörungen, Albträume, Flashbacks und einen chronisch aktivieren fight-or-flight Mechanismus auslösen. Diese Symptome können die Kinder bis ins Erwachsenenalter begleitet und ihr Wohlbefinden beeinträchtigen. Auch bei häuslicher Gewalt wird immer zu eng gedacht. Dazu gehört auch ein "Kalter Krieg" zwischen den Eltern, der Mauern, Verachtung aber auch Spot und Kritik aufweist. Die damit verbunden Emotionen werden vom Kind miterlebt, auch wen es während dem Angriff nicht im Raum ist. Diese Situationen und Erfahrungen beeinflussen die Kinder mindestens in ihrer Art Beziehungen zu führen. Doch die meisten Kinder weisen im Erwachsenenalter auch noch eines der oben angeführten Symptome auf. Oft wird die Ursache dafür nicht erkannt, weil das Kind selbst im Konflikt nicht beteiligt war oder man sich vielleicht nie vor ihm gestritten hat. Doch non-verbale Gewalt führt zum gleichen Ergebnis, wie wenn das Kinden mitten im Streit steht. Haben sie ihre Eltern oft gestritten oder erinnern sie sich an den Umgang der Eltern miteinander, als sie noch ein Kind waren?

Erfahrungen dieser Art können die Wahrnehmung von Beziehungen und Personen verzerren. Speziell wenn es um Liebesbeziehungen geht. Zusätzlich können die Beobachtungen in der Kindheit ihr Konfliktverhalteb von heute beeinflussen.

Chronische Krankheit

Europaweit ist jeder zweite Tote, Opfer einer chronischen Krankheit. Wie wahrscheinlich ist es da, dass sie in ihrer Kindheit einen solchen Fall miterlebt haben? Chronische Krankheiten können für Kinder sehr traumatisierend sein, besonders wenn diese Krankheiten im Endstadium miterlebt werden. Krebs, Diabetes, Schlaganfall und die damit verbundenen mehrfachen, vielleicht erfolglosen Operationen oder Behandlungen. Die immer wieder aufkeimende Hoffnung im Betroffenen und seinen Angehörigen, die von der nächsten negativen Nachricht vernichtet wird. Ein solches "Miterleben" in der Kindheit kann zu einer posttraumatischen Belastungsstörung führen. Die Sorgen, Ängste, Depressionen und den Stress von Betroffenen und ihren Angehörigen können sehr überwältigend sein. Krebs im Endstadium kann zu Angstzuständen und Depressionen führen. Doch auch wenn das Kind selbst von einer chronischen Krankheit betroffen ist und durch Operationen, Therapien und Arztbesuche traumatisiert ist, beeinflussen diese es noch im Erwachsenenalter. Heute sind Krankenhäuser und Ärzte bestrebt den Kindern eine positive Erfahrung zu bereiten. Doch in meiner Kindheit war das noch anders. Kinder wurden als unmündige, kleine Erwachsene behandelt, die kein Recht auf Information haben. Oft wurden Krankheiten und Therapien nicht altersgerecht erklärt. Ich selbst habe seit dem ich sieben Jahre alt bin ein Trauma im Bezug auf Blutabnahmen. Durch die gewaltsame Entnahme in einem damals sehr populären Krankenhauses bedurfte es der Geduld vieler guter Ärzte, mich von dieser Panik zu befreien. Doch auch ich habe Ärzte erlebt, die meine Panikattacke als Hysterie abgetan haben. Ich fühlte mich dabei oft missverstanden und nicht ausreichend gut betreut. Um die Ursache selbst hat sich nie jemand gesorgt. Es wurde nur das negative Ereignis mehrmals positiv überschrieben. Damit ist es mir heute möglich vertrauten Ärzten die Blutabnahme ohne Panik zu gestatten.

Die Katastrophisierung und das Glaskugelschauen sind zwei extrem wirkungsvolle Filter, die durch die Verluste in der Kindheit und die Erlebnisse mit chronischer Krankheit entstehen können. Diese beeinflussen ihre Wahrnehmung von Personen und Beziehungen massiv.

Psychiatrische/ Medizinische Behandlung

Dieses Gefühl sich missverstanden zu fühlen gibt es auch bei Kindern. Oft haben sie Schmerzen oder weisen Symptome auf, können aber auf Fragen "wo es weh tut und vor allem wie" nicht wirklich passend Antworten. Hier fehlt es noch oft an der detaillierten Körperwahrnehmung und dem sprachlichen Ausdruck. Daher gibt es immer wieder Fälle, die über Kindheitsdiagnosen berichten. Dabei wurden die Patienten bis ins und Erwachsenenalter aufgrund einer falschen Diagnose therapiert, ohne dass die Diagnose aus der Kindheit noch einmal überprüft wurde. In einem meiner früheren Beiträge habe ich über einen solchen Fall berichtet. Doch was richtet eine solche Falschdiagnose und chronische Falschbehandlung in einem Menschen an.? Was passiert, wenn einem Ärzte nicht glauben, dass man Schmerzen hat und man dann im schlimmsten Fall auch noch in einer psychiatrischen Behandlung endet, weil die Ursache nicht identifiziert werden kann? Ein solches traumatisches Erlebnis kann Jahre später noch zu Albträumen und Angstzuständen führen. 

„Ich werde missverstanden“ ist wohl das intensivste Learning aus dieser Art von traumatischen Situationen. Dieses schwingt womöglich in vielen Konflikten mit.  

Unerwarteter Tod/Mord

Wer von ihnen ist jederzeit bereit, dem unerwarteten Tod ins Auge zu sehen? Leider gehen wir oft davon aus, dass kleine Kinder den Tod nicht realisieren, weil sie ja noch "so klein" sind. Umso schlimmer ist es, wenn es sich beim Verstorbenen nicht um einen Menschen handelt, der das 70. Lebensjahr schon überschritten hat. Kaum jemand rechnet mit dem Tod eines Kindes, Jugendlichen oder jungen Erwachsenen. Vielmehr ist die Gesellschaft eigentlich der Auffassung, dass einem Mensch in jungen Jahren der Tod nicht zustossen kann. Es sterben alleine in Europa jährlich rund 20.000 Säuglinge. Rund 1.300 Österreicher begehen pro Jahr Suizid  (rund 10.000 Deutsche). Fälle die uns unerwartet treffen, weil es oft um Menschen in einem Alter, das wir als "zu jung zum Sterben" definieren. Möglicherweise haben auch sie jemanden unerwartet in ihrer Kindheit verloren und leiden heute an Angstzuständen, Problemen im Aufbau von Beziehungen oder depressiven Zuständen. Ein professionelle Begleitung könnte ihnen bei der Identifizierung der Ursache helfen. 

Auch hier ist das Galskugelschauen, aber auch das Gedankenlesen ein effektiver Filter für ihre Wahrnehmung, der zur Verzerrung führt und aus traumatischen Situationen in der Kindheit stammt.

Weitere fünf Situationen und fünf Tipps für die Bewältigung in meinen nächsten Beiträgen.