Mentale Erkrankungen in der Jugend bleiben oft unentdeckt

Als Sophia (Name wurde geändert) noch jung war, kämpfte sie mit Symptomen, die sich nicht identifizieren konnte. Sie hatte Kurzatmigkeit und wurde plötzlich ängstlich. Ihre Mutter brachte sie zu einem Arzt, der bei Sophia Asthma diagnostizierte. Doch trotz der Behandlung blieben ihre Atemnot und ihre Panikgefühle bestehen.

Im Nachhinein ist Sophia nicht sicher, ob sie überhaupt Asthma hat und glaubt, dass sie falsch diagnostiziert wurde. In ihrem Gespräch mit dem psychologischen Berater erklärt sie: "Die Ärzte wussten nie, was mit mir los war, wahrscheinlich weil ich nicht die richtigen Worte hatte, um zu erklären, was los war, und vielleicht, weil sich meine Schulnoten nicht verschlechterten."

Eine psychische Erkrankung, selbst solche die durch die Medien immer präsent sind, können in der Praxis schwer zu identifizieren sein. Bei Jugendlichen mit leichten bis mittelschweren Symptomen kann die Diagnose besonders schwierig sein. In der Kinder- und Jugendpsychologie ist das Problem bekannt. Oft muss man sich auf die Erwachsenen verlassen, die die Symptome in Worte fassen. Kinder und Jugendliche haben oft nicht das Wissen, ihre eigenen psychologischen Veränderungen zu erkennen und zu beschreiben. 

Als Sophie in die vorpubertären Jahre kam, war sie immer müde. Alles, was sie tat, war etwas mehr mühsamer. Der Tagesablauf war beeinträchtigt durch die Symptome. "Ich hab in der Schule immer gute Noten gehabt. Ich ging mit Freunden aus und besuchte Sprach- und Tanzkurse. Damit war die Müdigkeit zu ertragen. Doch die Schwierigkeit lag darin gegen den Nebel im Kopf anzukämpfen. Damit war die Konzentration in Schule und beim Tanzen nur schwer aufrechtzuerhalten. Schlussendlich brauchte ich dafür unglaublich viel Energie."

Gerade kurz vor der Pubertät werden die Symptome oft der bevorstehenden Pubertät zugeschrieben, als eine psychische Erkrankung vermutet. Oft ist nur Müdigkeit und anhaltender Pessimismus die Beobachtung, die Eltern und Berater teilen. Doch alleine diese Symptome können die Fähigkeiten der Jugendlichen beeinträchtigen, wenn es darum geht ihr ganzes Potential zu entfalten. 

Sophia hatte auch andere Symptome, wie zum Beispiel ihre Reizbarkeit. 

"Manchmal schrie ich meine Geschwister oder Eltern wegen Kleinigkeiten an. Meine Mutter meinte dann immer, dass das Verhalten für Teenager üblich sei. Niemand vermutete, dass mehr dahinter steckt."

Verzweifelt und aufgrund mangelnder Hilfe recherchierte Sophie ihre Symptome im Internet. Sie erzählt: "Ich hatte es so satt, mich so elend zu fühlen. Also wandte ich mich an Dr. Google. Ich gab ein URSACHEN FÜR MÜDIGKEIT. Meine Annahme damals war, dass das alles war. Ich war nur müde. Bis ich schliesslich einen Artikel fand SYMPTOME VON DEPRESSION. In dem Artikel waren auch Hoffnungslosigkeit, negative Gedanken, Konzentrationsschwierigkeiten, Taubheitsgefühl usw. aufgelistet. Plötzlich wurde mir klar, dass doch mehr hinter meinen Symptomen stecken musste."

Mit dieser Information ging sie zu ihrem behandelnden Arzt. "Ich hatte endlich einen Namen für diese Gefühle", erzählt sie freudig. "Für eine zu lange Zeit ging es mir zu gut, als dass jemand eine Depression vermutet hätte."

Die Form von Depression, bei der Menschen normal zu funktionieren scheinen, wird als Dysthymie bezeichnet und beginnt oft schon in der Kindheit. Obwohl sie nicht so schwerwiegend ist wie andere Formen von Depression, kann Dysthymie positive Gefühle verhindern und täglichen Aufgaben erschweren. Im Durchschnitt dauert eine Dysthymie fünf Jahre, ist damit eine chronische Beeinträchtigung und bedarf eine professionelle Begleitung. Bei 75 Prozent der Betroffenen wird die Dysthymie nicht behandelt und es entwickelt sich eine schwerere Form der Depression. 

In der quantitativen Forschung gibt es unzählige Interviews, deren Inhalt jenem von Sophies Gespräch gleichen. Oft haben Kinder und Jugendliche ein durch Hollywood geprägtes Bild von psychischer Krankheit. Da ihre eigenen Symptome nicht diesen Bildern gleichen, kommen Jugendliche oft nur durch Zufall auf die richtige Diagnose. 

Dr. Costello von der Duke University untersuchte 2013 10.000 Jugendliche und stellte fest, dass weniger als die Hälfte der Jugendlichen mit psychologischen Problemen überhaupt behandelt wird. 70 Prozent der behandelten Jugendlichen sind ADHS Diagnosen. Die am wenigsten häufig behandelte Beeinträchtigung sind Phobien und Angststörungen. 

Maßnahmen zur Prävention bei Jugendlichen und Aufklärungskampagnen zu mentaler Gesundheit werden seit Jahren von von Kinder- und Jugendpsychologen gefordert. Dieses wurde die Anzahl der unentdeckten Fälle massiv verringern. Ähnlich wie in den USA kämpfen wir im deutschsprachigen Raum auch mit der zu geringen Anzahl von Psychologen, Therapeuten und Beratern, die sich auf Kinder- und Jugendpsychologie spezialisiert haben.